Von:
Anne Kathrin Maria Kruse
Uta Schmechta

e-voegel.de

Frühmorgens, es dämmert, und ganz oben auf dem Dachfirst haben die Amselmännchen Position bezogen. Sie sind nur als kleiner schwarzer Punkt auszumachen. Umso lauter sind ihre hellen Triller, Tonfolgen, die am Schluß nach oben gehen, wie eine Frage oder ein Ausruf. “Morning has broken, blackbird has spoken like the first bird“ - das Lied von Cat Stevens lässt anklingen, dass auch der Morgen der Welt von Vogelgesang begleitet war.

Als unsere Vorfahren noch in und mit der Natur lebten, waren Vogelgesang und Gezwitscher beruhigend. Aber sobald dies verstummte und kein einziger Vogel mehr sang oder wenn die Vögel Warnrufe ausstießen, hieß das „Gefahr“. Ein Raubtier schlich durchs Unterholz. Oder eine Giftschlange ringelte sich auf dem Boden entlang. Noch heute richten sich erfahrene Dschungel- oder Savannenbewohner nach dem Ruf der Vögel.

Auch die Bibel erzählt von Vögeln. Noah schickt nach der Sintflut Raben und dann Tauben aus, sie können die Arche verlassen, um über der Wasserwüste nach Land zu suchen. Eine jüdische Auslegung erzählt, dass die Raben auch deshalb nicht zurückkehren zur Arche, weil sie mit dem Aas der ertrunkenen Tiere und Menschen beschäftigt sind...Die Raben sind Zeugen einer verletzten Welt mit Sterben, mit Fressen und Gefressenwerden. Die Taube, die mit dem Ölzweig im Schnabel zurückkehrt, wird Hoffnungsbotin, dass trotz Chaos Neues wächst.

Die Taube hat es geschafft. Sie ist berühmt geworden. Sie ziert antike römische Grabmäler und die Buttons der FriedensaktivistInnen des 20. Jahrhunderts. Auch der Rabe hat es geschafft, wenn auch seine Karriere nicht nur mit Beliebtheit einherging. Vor allem in der europäischen Geistesgeschichte stand er für das, was verachtenswert war: Tod, Sünde, Verwesung und Gier. Diese zwei schillernden Vögel geben sich in der biblischen Sintfluterzählung ein Stelldichein.

Auf den ersten Blick erscheint ihr Auftreten reichlich ungereimt. Liest man die Fluterzählung jedoch tiefenpsychologisch, dann entsteht ein neuer Eindruck: Noah ist ein von seinen Gefühlen isolierter Mensch, der sich ein verzerrtes Gottesbild erschaffen hat. Die Flut ist Aktion seines Unbewussten, das den unlebbaren Zustand beendet. Mit dem Raben macht Noah den ersten Schritt nach dem Ende des Bisherigen; mit der Taube und den in ihrer Figur angelegten Hinweisen auf Geburt und Kindheit beginnt das neue Leben Noahs.

Die zwei Vögel der Sintfluterzählung tun somit nicht weniger, als den Menschen Noah in ein neues Leben hinein zu führen, in dem er zu sich und zu einem zugewandten und liebenden Gott findet.